Über uns

Vereinsgeschichte

Alles begann mit einem mutigen Entschluss.
Einer der Mitbegründer der ersten Stunde erinnert sich: „Damals waren wir nur knapp ein Dutzend junge Leute, denen die sogenannte Dritte Welt ein besonderes Anliegen war. Wir haben in Solidaritätsgruppen zu Afrika oder Lateinamerika gearbeitet – jeder für sich. Dann haben wir uns entschlossen, endlich etwas gemeinsam zu machen – ein Zentrum zur Dritten Welt, ein Angebot für die Menschen in Bielefeld, sich über die Länder des Südens zu informieren, an Aktionen und Projekten teilzunehmen  oder auch nur fairen Kaffee im Dritte Welt Laden zu kaufen.“  

Wie aber sah es 1980 aus?
In jenem Jahr versuchten die in Nicaragua erfolgreichen Revolutionäre gerade, eine „neue Gesellschaft“ zu schaffen; im gleichen Jahr wurde aus der englischen Kolonie Rhodesien nach langen Kämpfen das selbständige Land Zimbabwe; in der Bundesrepublik schlossen sich die Grünen auf Bundesebene zu einer Partei zusammen und in Bielefeld luden ein paar Grüne und andere gesellschaftliche Außenseiter zur Einweihung des neuen „Dritte Welt Haus Bielefeld“ ein. Dritte Welt Haus in Anlehnung an die Selbstbezeichnung der Länder der Blockfreienbewegung als „dritte“ Welt gegenüber den Industrieländern, der „ersten“, d.h. kapitalistischen und „zweiten“, d.h. sozialistischen Welt.

Die politische Stimmung in der linken Szene drängte damals fast zu einer solchen Aktion - immer mehr Menschen aus studentischen Kreisen, Kirchengemeinden, Schulen und Parteigruppierungen suchten nach genaueren Informationen über die damaligen Umbrüche in Mittelamerika und dem Südlichen Afrika - und auch nach Möglichkeiten, in diesem Zusammenhang selbst etwas zu tun. So entwickelten sich wie von selbst die ersten Aufgaben des neuen Dritte Welt Hauses: Informationen zu den einzelnen Ländern, Partnerschaftskontakte, Öffentlichkeitsarbeit hier und konkrete Hilfe in den betroffenen Ländern. Entsprechend bemühten sich AKAFRIK, Lateinamerikakreis, die Frauen vom Früchteboykott, Mitglieder der Solidarischen Kirche und der Studentengemeinden nach Kräften, ihre jeweiligen Themen unter die Leute zu bringen – mit Bildungsveranstaltungen, die rückblickend hinsichtlich der allgemeinen Verständlichkeit sicher sehr verbesserungswürdig waren; mit politischen Vorstößen bei Parteien und dem Rat der Stadt, die lange Jahre nur auf ein geteiltes Echo stießen; mit Demonstrationen und Aktionen auf Straßen und Plätzen, die oftmals Konflikte und Ärger erregten.

Das Haus in der August-Bebel-Straße 62, das vor 35 Jahren zur Heimat des Dritte Welt Haus werden sollte, befand sich allerdings in einem beklagenswerten Zustand. Aus Sicht der damaligen Eigentümerin, die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG), war das Gebäude ohnehin zum Abriss bestimmt. Es sollte als Teil der hochfliegenden Straßenbaupläne im Bielefeld der 1970er Jahre einer Rechtsabbiegespur weichen. Die damaligen Mieter, das Aktionskomitee Afrika (AKAFRIK) und zwei Wohngemeinschaften, hatten sich zwar redlich Mühe gegeben, das Gebäude einigermaßen nutz- und bewohnbar zu machen, aber angesichts des maroden Zustands weiter Teile des Hauses war das eine fast nicht zu bewältigende Aufgabe. Böden waren durchgefault, Fenster undicht und der Anbau war ein zugiger Lagerraum. Die beiden Wohnungen im ersten und zweiten Stock beherbergten teilweise AKFARIK-Mitglieder, von denen einige später eine gewisse Prominenz erreichten. So gehörten zu den ehemaligen WG-Bewohnern der ehemalige Bauminister und stellvertretende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Michael Vesper (Gast) und Hans Verheyen, Grüner Bundestagsabgeordneter der ersten Stunde. Trotz der widrigen Verhältnisse forcierte eine Reihe von Gruppen die Gründung eines gemeinsamen Hauses als wort-wörtliches „Dach“ für gemeinsame Aktivitäten.

Solidarität und Öffentlichkeitsarbeit als Ziele

Die Arbeit wurde in der Gründungsphase praktisch vollständig von Ehrenamtlichen betrieben. Doch es gab ein starkes Bedürfnis, entwicklungspolitische Arbeit zur Hauptsache zu machen und sie nicht nur abends oder neben dem Studium zu betreiben. Erste Hauptamtlichen-Stellen konnten finanziert werden, teilweise aus ABM-Mitteln des Arbeitsamtes, bald kamen weitere Beschäftigte hinzu.

Zu Beginn des Dritte Welt Haus standen Solidarität und entwicklungspolitische Öffentlichkeitsarbeit im Vordergrund. Die Hausgruppen machten auf die Lage „ihrer“ Länder aufmerksam. Daneben wurde über allgemeine Themen wie  Kritik der staatlichen Entwicklungspolitik, die Strukturanpassungspolitik des Internationalen Währungsfonds und die Verschuldung der armen Länder informiert. Schon früh waren direkte Kontakte mit dem Süden geknüpft. Hier nur zwei Beispiele: Zwischen der Nkululeko-Farmschule in Zimbabwe und der Gesamtschule Schildesche wurde eine Schulpartnerschaft geknüpft, die heute noch existiert. Die Nicaragua-Solidarität mündete in die Städtepartnerschaft mit Esteli. Letzteres war ein durchaus schwieriger Prozess, da die Kommunalpolitik doch erhebliche Schwierigkeiten hatte, sich den "Radikalinskis" aus der „linken Ecke“ zu nähern.

Das Dritte Welt Haus wurde schnell bundesweit bekannt

Aus der Solidaritätsarbeit entstanden im Laufe der Zeit zahlreiche Entwicklungshilfeprojekte. Vielleicht hat neben der immer professionelleren Öffentlichkeitsarbeit auch diese handfeste Arbeit über die Jahre nicht wenig zum Ansehen des Vereins in der Stadt und weit darüber hinaus beigetragen. Nur ein Beispiel sind die Aktivitäten der 1983 von Studierenden der Entwicklungssoziologie an der Uni Bielefeld gegründeten Brasiliengruppe: Eine Kampagne gegen eine VW-Farm im Amazonas brachte viel Aufmerksamkeit, die nationale Kampagne gegen Sextourismus in Brasilien führte sogar zu Gesetzesänderungen in einigen Bundesstaaten. Initiiert von Recherchen der Gruppe zu Kinderarbeit auf Orangenplantagen entstand letztlich das Transfair-Siegel für fairen O-Saft. 
Relativ bald nach der Gründung begann auch  gezielt die Arbeit mit LehrerInnen und SchülerInnen. So gab es Mitte der 1980er Jahre eine Woche der "politischen Flüchtlinge in der BRD". Dazu wurden Begegnungen mit Asylsuchenden, Referate und ein Stadtspiel angeboten, bei dem die SchülerInnen die Stationen besuchten, die auch AsylbewerberInnen durchlaufen mussten. Aus solchen Angeboten entwickelten sich die Mediothek und die heute unter dem Begriff „Globales Lernen“ weiterentwickelten Bildungsangebote. Mit Unterrichtseinheiten, dem "Atlas der Weltverwicklungen", entwicklungspolitischen Spielen, Aktionskoffern und Projektkisten stieß das Dritte Welt Haus in eine echte Marktlücke und wurde überregional bekannt.
Die interne Organisation des Hauses war zu Anfang stark von basisdemokratischen Strukturen geprägt; alle konnten in 14-tägigen Hausversammlungen mitreden. Es wurde in wechselnder Zusammensetzung viel, lang und mit Leidenschaft diskutiert. Der Vorstand spielte (abgesehen von der Vertretung nach außen) eine untergeordnete Rolle. Arbeitsteilung galt als unchic, alles, was nach einer vertikalen Struktur aussah, war verpönt. Also galt es nicht nur zu recherchieren und einen Rundbrief zu schreiben, selbstverständlich musste er auch selbst eingetütet und zur Post getragen werden. Zwischendurch wurden noch schnell Klo oder Küche geputzt. Das hatte zwar einen gewissen Charme, war aber nicht immer sehr effektiv.
Einen Einschnitt brachte das Jahr 1986. Die Stadt hatte ihre Straßenpläne an der Paulusstraße aufgegeben und die LEG bot das Haus zum Verkauf an. Das war eine echte Bedrohung: Würde ein Käufer das Dritte Welt Haus als Mieter dulden? Wäre die Miete überhaupt noch bezahlbar? So entstand die Idee, das Haus selbst zu kaufen. Das bedeutete aber auch eine Antwort auf die Frage zu geben: Sind wir in der Lage und willens, das Haus langfristig zu bewirtschaften?

1988 kauft der Verein das Haus

Die nächsten Monate brachten ein enormes Engagement von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eine erfolgreiche Spendenkampagne wurde organisiert, und die Evangelische Kirche trug mit einem nicht zurück zu zahlenden  Darlehen den notwendigen Rest bei, so dass das Haus Ende 1988 gekauft werden konnte. Was für ein Erfolg! Relativ kurz danach ergab sich eine neue Herausforderung: Die erste Etage, welche die damalige Mieterin gekauft hatte, stand ebenfalls zum Verkauf. Nach so kurzer Zeit noch einmal eine Spendenkampagne aufzulegen war undenkbar. Die BUKO Pharma-Kampagne, von Anfang an Teil der Hausgemeinschaft, überzeugte die Stiftung Umverteilen hier zu investieren: Sie kaufte schließlich die Etage und vermietet sie seither an das Welthaus Bielefeld. So fließt Geld zurück an eine Stiftung, die ihrerseits wieder Projekte damit unterstützen kann.

Eine besondere Geschichte ist auch mit dem Wandbild verbunden, das bis heute (in reduzierter Form) als bunt leuchtendes Erkennungszeichen des Hauses wirkt. Entstanden ist es im Rahmen der Aktionen zu "500 Jahre Eroberung Lateinamerikas" als Gemeinschaftswerk einer mexikanischen und zweier Bielefelder KünstlerInnen. Beinahe wäre aber alle Mühe umsonst gewesen, denn die Stadt Bielefeld wollte die Bemalung des Hauses untersagen. Die künstlerisch präsentierten Aussagen waren politisch nicht überall erwünscht. In zähen Verhandlungen gelang es, die Verantwortlichen bei der Stadt zu überzeugen. Zur Einweihung erschien dann sogar der Baudezernent persönlich.

1992 war auch das Jahr des Erdgipfels von Rio de Janeiro. Eines von fünf verabschiedeten „Dokumenten“ von Rio ist die Agenda 21, in der Ziele und Wege für eine zukunftsfähige Entwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit definiert wurden. Unter dem Motto „think global, act local“ löste der sogenannte Agenda-Prozess eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung aus, in der viele Aspekte des gesellschaftlichen Lebens neu betrachtet und neue Konzepte, entwickelt wurden.

Damit begann für das Dritte Welt Haus eine Zeit intensiver Kontakte und Diskussionen mit anderen Gruppen aus dem Umwelt- und Sozialbereich, mit Institutionen wie der Verbraucherzentrale, dem Umweltzentrum und mit verschiedenen städtischen Gremien und Akteuren. Dies immer unter dem Vorzeichen, das Zusammendenken von „Umwelt“ und „Entwicklung“ im Sinne einer globalen Welt zu fördern und unter Berücksichtigung der Auswirkungen unseres Handelns auf die Länder des Südens. Es erschienen neue Materialien wie das Schaubilderbuch „Entwicklungsland D“ oder das Folienset „Was ist nachhaltige Entwicklung?“. Projektreihen wie „Weltwirtschaft zum Anfassen“ wurden entwickelt und der Verein schloss sich den Kampagnen für Saubere Kleidung, Erlassjahr und der Blumenkampagne an. Besonders erwähnt sei hier noch das 1997 konzipierte Schulbesuchsprogramm „Zu Gast bei den Entwickelten“. Vier Wochen lang besuchten zwei Referenten aus Eritrea und Brasilien Schulen in Ostwestfalen-Lippe – immer mit der Fragestellung, welche Entwicklung wollen wir als Deutsche den Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern eigentlich bringen?

Die Verschärfung der Situation in vielen der ärmsten Länder der Welt durch Programme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie die die Folgen ungleicher Handelsabkommen führten immer öfter zur Frage nach der Bedeutung und den negativen Folgen der weltweiten Globalisierung. Können die Länder des Südens von der Globalisierung profitieren oder trägt sie im Gegenteil dazu bei, die Situation der Menschen zu verschlimmern? Diese Frage zog sich durch die Projekt-, Bildungs- und Kulturarbeit und wurde nicht selten auch nach außen unterschiedlich beantwortet.

Dieser pluralistische Ansatz hat sich bis heute als Grundprinzip der Arbeit im Welthaus Bielefeld gehalten: Meinungsvielfalt zulassen, Perspektivwechsel fördern und Kontroverses kontrovers darstellen. Das macht es zuweilen schwer, kurzfristige, als Welthaus Bielefeld gemeinsam verfasste Stellungnahmen zu (aktuellen) politischen Ereignissen zu verfassen; ein Zielkonflikt, der immer wieder neu debattiert wird.

Ein neuer Name und eine neue Struktur

Das 20. Jahrhundert endet im Dritte Welt Haus mit zwei weitreichenden Änderungen: der Umbenennung des Vereins in Welthaus Bielefeld und der Einführung einer neuen Organisationsstruktur. Das bis dahin praktizierte Modell einer Vereinsführung, in der hauptamtliche MitarbeiterInnen in einem rotierenden System den Vorstand übernahmen, war an seine Grenzen gestoßen und hatte sich in Konfliktfällen nicht bewährt. Begriffe wie Verbindlichkeit, Effizienz, Zielformulierung und Indikatoren tauchen in den Diskussion um notwendige finanzielle Einsparungen, strategische Ausrichtungen und personelle Zwistigkeiten auf. Das Ergebnis der Strukturdiskussion ist eine umfassende Satzungsänderung und die Einsetzung eines ehrenamtlich besetzten Vorstands und einer hauptamtlichen Geschäftsführung. 

Der Entscheidung um eine zukunftsfähige Organisationsstruktur folgt eine Auseinandersetzung um gemeinsam definierte Ziele: Am Ende steht das bis heute gültige Leitbild als „Orientierungsrahmen für alle Aktivitäten des Welthaus Bielefeld“. Über die Konzepte hinter den Ausführungen zu Gleichstellung, Kultur und Rassismus wird intensiv diskutiert doch am Ende steht ein wichtiges Instrument für die kommenden Jahre.

Als die Landesregierung in NRW 2002 das „Koordinatorenprogramm für entwicklungspolitische Bildung (KEB)“ ins Leben ruft, bewirbt sich das Welthaus Bielefeld als Anstellungsträger für das Programm und bekommt neben der regionalen KEB-Stelle für Ostwestfalen-Lippe auch den Zuschlag für die fachliche Koordination des Themas „Globales Lernen“, die bis heute mit Georg Krämer besetzt ist. Neben dem KEB-Programm wird unter Rot-Grün eine weitere neue Landeseinrichtung zur Finanzierung von Projekten in NRW geschaffen, die Stiftung Umwelt und Entwicklung. Während so die entwicklungspolitische Inlandsarbeit eine politische und finanzielle Stärkung erfährt, ändern sich die Bedingungen für die finanzielle Unterstützung von Projektpartnern im Ausland massiv zum schlechteren. Die EU ändert ihre Förderrichtlinien und viele kleinere, bislang von den Projektgruppen geförderte Partner, zum Beispiel in Brasilien, können nicht mehr in der bisherigen Form unterstützt werden.

Bielefeld hilft

Immer wieder kam es zu gemeinsamen Hilfsaktionen zwischen dem Welthaus Bielefeld und der Stadt. 1998 wurden große Teile der Bielefelder Partnerstadt Estelí in Nicaragua durch den Hurrikan Mitch zerstört. Dank der Hilfe der  europäischen Partnerstädte konnte der Wiederaufbau von Wohnvierteln, Kindergärten und Schulen, sowie eines Teils der betroffenen städtischen Infrastruktur 2005 erfolgreich abgeschlossen werden. Allein in Bielefeld wurden über 250.000 € an Spenden für dieses Projekt gesammelt. In Mosambik führten sintflutartige Regenfälle und Wirbelstürme im Jahr 2000 zu einem Hochwasser, das weite Teile des Landes in Mitleidenschaft zog. In einem gemeinsamen Aufruf des Welthaus Bielefeld und des KoordinierungsKreis Mosambik (KKM) wurde die Bielefelder Bevölkerung zu Spenden für die von den Überschwemmungen betroffenen Menschen aufgerufen. Insgesamt kamen in dem einen Jahr durch Einzelspenden, von Schulen, Vereine und Firmen über 100.000 DM zusammen. Das Erdbeben im Indischen Ozean Weihnachten 2004 war das drittstärkste jemals aufgezeichnete Beben und löste eine Reihe von verheerenden Tsunamis an den Küsten des Indischen Ozeans aus. Insgesamt starben etwa 230.000 Menschen, über 1,7 Millionen Küstenbewohner rund um den Indischen Ozean wurden obdachlos. Trotz einiger Bedenken beteiligte sich das Welthaus Bielefeld an der Spendenkampagne „Bielefeld hilft“ und schickte Christian Walger als Teil einer Delegation nach Sri Lanka, um die Möglichkeiten für ein Hilfsprojekt auszuloten. Nach vielen Gesprächen entschied sich das Welthaus Bielefeld zwei Jahres später, sich nicht weiter an der Umsetzung von Hilfsmaßnahmen in Sri Lanka zu beteiligen.

Experimentierfreudig, eigenwillig und kontinuierlich zugleich hatten einzelne Welthaus-Aktive schon seit Mitte der 1980er Jahre die Kulturarbeit als weiteres Standbein des Vereins aufgebaut. Vor allem im Bereich Weltmusik wurden für Bielefeld ganz neue Akzente gesetzt, erweitert 1996 durch den Carnival der Kulturen. Künstlerinnen von Weltrang wie Miriam Makeba und Angelique Kidjó begeisterten auf Einladung des Kulturbüros tausende Menschen; heute liegt ein Schwerpunkt der Arbeit in der Präsentation multikultureller Performances: ob durch hier ansässige Musikbands internationaler Besetzung oder türkisch-brasilianische cross-over Konzerte. Mit rund 100.000 BesucherInnen in der Bielefelder Innenstadt und 2.000 Aktiven in der Parade hat sich der Carnival der Kulturen nach 20 Jahren zur größten Tagesveranstaltung in Ostwestfalen-Lippe entwickelt - und muss als unerbittliches Fest der Alternativkultur doch jedes Jahr um seine Existenz kämpfen. 

Neue Räume für Entwicklung

Es wurde gesungen, gefeiert und viel gedankt, als im September 2007 das „Kompetenzzentrum für globales Lernen“ im Welthaus Bielefeld eröffnet wurde. Nach mehr als zwei Jahren Vorarbeit hatte die Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen im Februar 2006 grünes Licht für die Förderung einer umfangreichen Baumaßnahme gegeben. Das Ziel: auf dem bestehenden Grundstück aus einem maroden Anbau zeitgemäße, neue Räumlichkeiten für eine zukunftsfähige Bildungsarbeit zu schaffen.

Der Neubau wurde in einem partizipatorischen Prozess und unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit geplant und umgesetzt. Gleichzeitig sah das Konzept vor, dass die Inhalte, mit denen sich der Verein beschäftigt, auch durch das Gebäude selbst sichtbar würden. Am konkreten Beispiel des ökologischen und regionalen Bauens sollte ein eindrucksvolles Vorbild für Nachhaltigkeit geschaffen werden. Wo immer möglich, wurden nachwachsende Rohstoffe aus regionalen Wirtschaftskreisläufen als Baumaterialien verwendet, die einzelnen Baustoffe kritisch auf ihre ökologischen Eigenschaften hin geprüft. Energieeffiziente Beleuchtung, hochwirksame Dämmstoffe und Photovoltaikmodule stehen für bestmögliche Energienutzung.

So entstand in nur 14 Monaten Bauzeit ein Gebäude, das schon durch seine Formensprache ein „Welt“-Haus ist. Wahlweise an ein Ei, ein Samenkorn, eine Rundhütte oder die Welt erinnernd, ist das Gebäude innerhalb kürzester Zeit unersetzlich geworden und die vorwiegend in Eigenleistung ausgebauten Seminar- und Gruppenräume auf drei Stockwerken werden intensiv und fortwährend von internen und externen Gruppen genutzt.

weltwärts mit dem Welthaus Bielefeld

Fast wie ein Vermächtnis hinterließ Heidemarie Wieczorek-Zeul, lange Jahre Ministerin im BMZ, die Einführung des Lern- und Freiwilligendienst weltwärts im Jahr 2008. Vor allem die Hausgruppen sahen darin mehrheitlich eine große Chance, Projektpartner durch Freiwillige zu unterstützen und die Bindung zu stärken. Auch war die Erwartung, durch das Programm Nachwuchs für die eigenen Gruppen zu finden. Doch es gab auch kritische Stimmen, selbst  wenn nicht alle sich der Verallgemeinerung des „Abenteuertrip ins Elend“ anschließen wollten. So behielten es sich die Mitglieder vor, jährlich neu über das Programm zu beschließen bis es durch einen Mehrheitsbeschluss 2014 schließlich als fester Bestandteil des Welthaus Bielefeld im Leitbild verankert wurde. Mittlerweile sind mehr als 500 junge Erwachsene zwischen 18 und 28 Jahren mit dem Welthaus Bielefeld „weltwärts“ gegangen. Seit dem Jahr 2014 gibt es mit dem Süd-Nord-Programm die von Anbeginn geforderte Reverse-Komponente, mit der Freiwillige aus dem Süden ebenfalls an dem Programm teilnehmen und für ein Jahr nach Deutschland kommen können. 

Neue Wege wurden auch in der Bildungsarbeit beschritten: Die Bildungs-Bags® sind nicht nur die erste registrierte Marke des Welthaus Bielefeld, sondern auch ein stark nachgefragtes Produkt: Der Bildungs-Bag „Schoko-Expedition“ hat bereits die 7. Auflage erreicht. Die „Klimaexpedition“ wurde 2010 mit dem Ökumenischen Förderpreis ausgezeichnet; der jüngste „Bag“ thematisiert die globalen Auswirkungen unserer Ernährung.

Eine Stiftung für das Welthaus Bielefeld


Die finanzielle Absicherung der vielfältigen Arbeit war und ist eine der ständigen Herausforderungen im Welthaus Bielefeld. Für eine Handvoll langjähriger, ehrenamtlich Aktiver war das Ziel, eine eigene Stiftung zu gründen ein wichtiger Schritt in diese Richtung. 2009 war es dann so weit: Die Stiftung Welthaus Bielefeld wurde gegründet und ein Jahr später – zum 30jährigen Bestehen des Vereins – in eine rechtlich selbständige Stiftung umgewandelt. Die Stiftung investiert ausschließlich in nachhaltige Wertanlagen und kann trotz der geringen Renditen derzeit immer wieder neue ZustifterInnen für ihre Zwecke überzeugen. So können seit 2010 jährlich Projekte des Welthaus Bielefeld im In- und Ausland gefördert werden.

Erkennbar einladend – Café Welthaus

Die Erweiterung des Gebäudes an der August-Bebel-Straße war kaum abgerechnet, da meldete sich der Altbau mit Sanierungsbedarf, der bei näherem Hinsehen  vom Dach bis zum Keller reichte.

Ganz genau lässt es sich nicht mehr sagen, wann mit den Planungen für eine Änderung des Ladenlokals im Welthaus Bielefeld begonnen wurde. Deutlich Bewegung in die Überlegungen kam 2010 mit dem Auszug des Weltladens. Damit erfüllte sich der Karibuni e.V., seit 1980 Träger des Weltladens im Welthaus Bielefeld, seinen lang gehegten Wunsch, ein Ladenlokal in der Altstadt anzumieten und damit Fairen Handel in besserer, sprich  Innenstadtlage, zu betreiben. Am Ende vieler Gesprächsrunden, Gutachten und Konzepte schließlich beschloss das Welthaus Bielefeld 2013, erneut eine umfangreiche Baumaßnahme durchzuführen. Unter dem Motto „erkennbar einladend“ wurden in vier Bauabschnitten rund 300.000 Euro investiert für den Ausbau, die Modernisierung und die energetische Sanierung des Gebäudes, das noch aus dem Jahr 1895 stammt.

Vom Ende her betrachtet sind alle sehr zufrieden mit den Umbauten im Welthaus Bielefeld. Das sah während der Baumaßnahme teilweise anders aus, verrät ein interner Blick zurück.
Nach einigen Vorarbeiten - so mussten 30 Jahre Archiv gewissenhaft entrümpelt werden -, begannen die Außenarbeiten im Herbst 2013 mit dem Neuanstrich der Fassade und einer vollständigen Erneuerung des Dachstuhls. An die Gesimse kamen neue Bleche, der Stuck wurde ausgebessert und längst überflüssig gewordene Kamine stillgelegt.

Als „Operation am offenen Herzen“ bezeichnen Baufachleute gerne eine Baustelle im laufenden Arbeitsbetrieb. Tatsächlich verlangten einzelne Bauabschnitte wie das Dämmen der Decke zum neu ausgebauten Dachboden hin den Mitarbeiter/innen der darunter liegenden Büros sehr viel ab. Teilweise musste die Arbeit völlig eingestellt werden und als dann noch plötzlich ein Bein von oben durch die Decke gebrochen kam, war das für manch Eine des Guten zu viel. „Ich fühlte mich wie Majestix – in der ständigen Angst, dass mir der Himmel respektive die Decke auf den Kopf fällt“, seufzt Anja Witteborg von der BUKO Pharma-Kampagne rückblickend. Und ihre Kollegin Claudia Jenkes ergänzt, „niemals wieder hoffe ich, so oft mein Büro putzen zu müssen“.

Mehr als sechs Monate hat es dann noch gedauert und geputzt wurde bis zum letzten Tag, bevor der neue Weltladen mit Café eröffnet werden konnte. Dass es sich gelohnt hat, darüber sind sich alle einig. Vielleicht sogar so sehr, dass manche schon das nächste Projekt andenken: Ein neues Wandmalprojekt beispielsweise, das wäre doch eine Idee. Oder vielleicht die Modernisierung der übrigen Etagen im Altbau? Zumindest aber könnte nach dem Willen einiger doch ein richtiges Fahrradhaus gebaut werden, es gibt ja jetzt Erfahrung mit sowas...

Aus den MDGs werden SDGs

Wie lassen sich Armut und Hunger weltweit bekämpfen? Mit dieser Frage befassten sich im Zeitraum 2000 bis 2015 die acht so genannten Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDG). Im Jahr 2000 von der UNO verabschiedet, bildeten die MDGs auch im Welthaus Bielefeld für viele Jahre den Rahmen für Projekte und Kampagnen. Mit dem Abschluss der MDG 2015 war klar, dass trotz einiger Erfolge in verschiedenen Bereichen die globalen Herausforderungen eher gestiegen sind. Außerdem waren die Zielvorgaben wenig ambitioniert – warum die Armut nur halbieren und nicht ganz abschaffen? – und die MDGs blendeten mit ihrem Fokus auf soziale Entwicklung und quantifizierbaren Indikatoren andere wichtige Bereiche aus.

Dennoch waren die MDGs ein wichtiger Bezugspunkt für die entwicklungspolitische Öffentlichkeitsarbeit. Mit der Verpflichtung zur Umsetzung der Ziele konnten die internationale Staatengemeinschaft, die Bundesregierung und auch die Kommunalpolitik immer wieder an die Notwendigkeit einer global gerechten Politik erinnert werden. Um die breite Öffentlichkeit darüber zu informieren, wurde 2011 in Bielefeld der bundesweit erste Themen-Radweg zu den MDGs eröffnet: „Mit Dir Gemeinsam die Welt erfahren“. 
2015 verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs aller UN-Mitgliedsstaaten einen neuen, deutlich umfangreicheren Zielkatalog, die globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG). Diese Ziele verbinden soziale, ökologische und wirtschaftliche Fragen und zwar für alle Länder weltweit, also nicht nur die sogenannten Entwicklungsländer. Diese Veränderungen in und durch Deutschland einzufordern, ist eine zentrale Aufgabe der Zivilgesellschaft. Dazu wollen wir mit dem Gobal Goals Radweg beitragen und an den neu gestalteten Stationen auf die SDGs hinweisen.
Eine zukunftsfähige Entwicklung weltweit unter besonderer Betonung der eigenen Verantwortung und Einbeziehung der  Partner in Afrika und Lateinamerika – dieses Ziel hat sich das Welthaus Bielefeld einst gesetzt. Dazu gehören eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, die Stärkung der Rolle der Frau, der Abbau von Rassismus und die Verwirklichung der Menschenrechte. Das Ziel ist und bleibt ein großes, die Möglichkeiten begrenzt. Doch die Überzeugung des langjährigen Mitglieds Irene Küchemann(†) ist weiterhin Motivation und Verpflichtung: "Es gibt auch nicht einen einzigen Grund, der mich überzeugen könnte, nichts mehr zu machen!"