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Frauen in Peru - Verschärfung der Gewalt und Straflosigkeit unter COVID-19

Dr. Norma Driever, Referentin weltwärts-Freiwilligendienst im Welthaus Bielefeld und Vorstandsfrau der Informationsstelle Peru e.V. berichtet über die aktuelle Situation der Frauen in Peru.

Häusliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist in der peruanischen Gesellschaft alltäglich verbreitet. Nach Schätzungen der WHO zufolge erlebt jede vierte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt durch ihren Partner und jedes dritte Kind eine Form von Gewalt durch Eltern, Betreuungspersonen, Gleichaltrige oder andere Familienmitglieder. Schätzungen zufolge sind allein in Peru sieben von zehn Frauen Gewalt durch ihre Partner ausgesetzt (WHO-Ranking von häuslicher Gewalt in Peru). Bildung, Einkommen, Alter und Religionszugehörigkeit sind dabei völlig bedeutungslos.

Obwohl die peruanische Regierung im Jahr 2015 das Gesetz zur Prävention, Bestrafung und Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Familienmitgliedern verabschiedete, hat der in 2016 in Kraft getretene Nationale Aktionsplan bis heute wenig Wirkung gezeigt. Der Machismo ist so sehr in dem Land verankert, dass die Mehrheit der Männer ihre Partnerinnen als ihr Eigentum betrachten, d.h. sie ohne Skrupel misshandeln, vergewaltigen und gar töten.
Die Täter werden in der Mehrheit der Fälle nicht angezeigt und ihre Taten bleiben ohne strafrechtliche Konsequenzen. Besonders in den Urwaldregionen des Amazonas und in den Anden, wo die Justiz kaum präsent ist, sind Analphabetinnen, Indigene, andine Frauen und Mädchen sehr von Gewalt betroffen.
Nach Angaben des Aurora-Programms des Ministeriums für Frauen und vulnerable Bevölkerungsgruppen (MIMP) waren 53% der Täter, die ihre Frauen ermordeten, zwischen 30 und 59 Jahren und 33% zwischen 18 und 29 Jahren alt. Mehr als die Hälfte der Täter war beim Mord ihrer eigenen Partnerinnen voll zurechnungsfähig. Ein Viertel der Täter war zum Zeitpunkt der Tat alkoholisiert oder standen unter Drogen.

Die Journalistin Lorena Alvarez hat über die Gewalterfahrung durch ihren ehemaligen Partner zwei Bücher „Primero muerta“ und „No te mato porque te quiero“ geschrieben. Sie behauptet im Herbst 2020 in einem Interview mit der TV-Sender der Deutschen Welle: „Straflosigkeit ist wie ein Krebsgeschwür, das einen auffrisst und tötet. Wir müssen uns schon vorher auf die körperlichen und psychischen Angriffe konzentrieren. Wenn wir erst reagieren, wenn die Frauen schon tot sind, es viel zu spät.“ (s. auch Lorena Alvarez, TEDxTukuyWomen, Facebook 12.06.2020).
Im Jahr 2020 führte weniger als 1% aller Strafanzeigen zur Verurteilung der Täter.

Häusliche Gewalt kann als Konsequenz der strukturellen Ungleichheiten zwischen Mann und Frau verstanden werden. Diese wurzeln in patriarchalen Traditionen, die auch in heutigen - modernen - Gesellschaften noch immer wirken. Darin enthalten sind Männer- und Frauenbilder, die Männlichkeit als Macht, Stärke, Dominanz definieren und Weiblichkeit mit Duldsamkeit, Passivität, Unterlegenheit verbinden.
In einer patriarchalischen und konservativen Gesellschaft wie Peru ist die Gewalt strukturell und institutionell: Die institutionelle Gewalt ist die Gewalt, die von staatlichen Akteuren wie Polizeibeamten, Gerichtsmedizinern, Staatsanwälten und Richtern über das Justizsystem verübt wird. Vom Gericht werden die Anklagen der Betroffenen nicht oder sehr schleppend verfolgt oder sie haben am Ende keinen Erfolg, da die Angeklagten aus Mangel an Beweisen freigesprochen und die Opfer vor Gericht oftmals als Lügnerinnen dargestellt werden. Es kommt zu einer doppelten Stigmatisierung der Betroffenen, die unter der häuslichen und/oder sexualisierten Gewalt extrem leiden.

Die Kongressabgeordnete und Rechtsanwältin Arlette Contreras, selbst Betroffene und von ihren Ex-Partner brutal geschlagen, macht sich im Parlament stark um die Problematik der Gewalt an Frauen zur thematisieren und in die Öffentlichkeit zu bringen. Am 25. November 2020 äußerte sie in einem Interview mit der Zeitschrift Caretas: “Es kann nicht sein, dass wir weiterhin sexistische Richter sehen, die Angreifer völlig ungestraft lassen.  Ich hoffe, dass die Justiz den betroffenen Frauen den Zugang zum Recht zukünftig garantiert.”

Auch in Peru ist die Gewalt an Frauen in der Corona-Krise deutlich gestiegen. Nach Angaben von Dante Carhuavilca, Chef des National Instituts für Statistik und Informatik, waren zwei Drittel der Frauen in Peru über 18 Jahre Opfer von Gewalt.
Die Zentren für Frauen in Not (Centros de Emergencia Mujer – CEM) bekamen 55.995 Anzeigen von psychischer Gewalt (Beleidigungen, Lächerlich-Machen und Anschreien in der Öffentlichkeit, Einschüchterungen, Demütigungen, Drohungen), eine der höchsten Zahlen in den letzten vier Jahren, und 44.125 Anzeigen von physischer Gewalt (Ohrfeigen, Faustschläge, Stöße, Tritte, Fesseln, Würgen, Angriffe mit Gegenständen oder Waffen und Mord). Davon waren 11.202 Frauen zwischen 26 und 35 Jahren betroffen. Nach der strengen Quarantäne von Oktober bis Dezember 2020 wurden mehr als 6.000 Angriffe gegen Frauen registriert.

Ausgangssperren und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit konnten zwar die Übertragung von COVID-19 eindämmen, doch in vielen Fällen wurden dadurch Opfer zwischenmenschlicher Gewalt zusammen mit ihren Peinigern in ihren Wohnungen eingesperrt. Die Ausgangsbeschränkung und der Ausfall des Schulunterrichts führten innerhalb der Familien zu enormen Stress- und Konfliktsituationen besonders in der Zeit der Quarantäne.

Vergewaltigungen finden, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, zuhause, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz statt. Die Zentren für Frauen in Not (CEM) haben in 2020 13.843 Fälle von sexualisierter Gewalt aufgenommen. Davon waren 1.706 Anzeigen von Betroffenen aus der Hauptstadt Lima, 446 Anzeigen aus Arequipa und 420 Anzeigen aus La Libertad.
Mädchen haben wie junge Frauen am meisten unter dem Ausnahmezustand gelitten und nach Angaben vom CEM waren 6.007 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren und 2.862 Mädchen zwischen 6 und 11 Jahren Opfer einer Vergewaltigung. (Sociedad LR 21.01.2020 ediciondigital@glr.pe)
„Die Meisten planen ihre Handlungen gezielt und sind sich darüber bewusst, was sie tun. Jede Frau und jedes Mädchen, gleichgültig wie alt oder attraktiv sie ist, welcher Nationalität oder Religion sie angehört, kann sexualisierte Gewalt erleiden. Diese Form der Menschenrechtsverletzung passiert täglich.“ (Terre des Femmes - Menschenrechte für die Frau e.V., Referat häusliche und sexualisierte Gewalt).

Viele berufstätige Frauen haben im Homeoffice weitergearbeitet, waren aber mit dem Haushalt, mit der Unterstützung ihrer Kinder beim digitalen Unterricht und ganz allgemein mit der Kinderbetreuung überlastet. In den ländlichen Gebieten, wo es keine Internetverbindung und damit auch kein Homeschooling möglich war, haben die Kinder häufig das Lernen zuhause komplett eingestellt, um ihre Eltern bei der Arbeit zu unterstützen.

Die traditionelle Geschlechterrolle und die kulturellen Muster, dass die Frauen für die Küche, für den Haushalt und für die Erziehung der Kinder zuständig sind und die Männer als Ernährer der Familie fungieren, ist durch die Pandemie gestärkt worden und wurde als „normale“ Pflicht der Frauen angesehen. Auch Frauen, die ihre Arbeit verloren haben, waren wieder angewiesen auf das Einkommen des Mannes bis auch ihre Partner arbeitslos wurden. Die wirtschaftliche Abhängigkeit, der Verlust der Familieneinkommen und die täglichen Konflikte haben viele Frauen in eine psychische Instabilität, Isolation und Perspektivlosigkeit gebracht.

Eine unsichtbare Gewaltform gegen Frauen ist auch die wirtschaftliche Abhängigkeit, die sogenannte „finanzielle Gewalt“. Das Zentrum für Frauen in Not (CEM) bekam 532 Anzeigen dieser Art von älteren Frauen über 60 Jahre im Jahr 2020, die häufig nicht über ein eigenes Einkommen oder Rente verfügen.

In Beziehungen, wo es schon vor der Pandemie gelegentlich Gewalt gab, ist die Gewalt jetzt regelmäßiger und sogar in manchen Fällen brutaler geworden. Frauen in einem traumatisierten Zustand schaffen es nicht rechtzeitig Hilfe zu holen oder trauen sich nicht zur Polizei zu gehen und ihre Peiniger anzuzeigen. Andere Frauen, die von ihrem Partner bedroht werden und in einer vom Partner kontrollierten Beziehung leben, haben sehr wenige Möglichkeiten ungehindert eine Telefonberatung anzurufen oder mit ihren Verwandten oder Freundinnen in Kontakt zu treten.
Die Frauennotruf-Nummer 100 wurde erst im April 2006 vom Ministerium für Frauen und soziale Entwicklung (MINDES) eingerichtet. In ganz Peru und vor allem in der Hauptstadt Lima sind von Mitte März bis Ende August 2020 die Telefon- und Chat-Hilferufe unter dieser Nummer von Betroffenen von häuslicher und sexualisierter Gewalt enorm angewachsen, so wurden 14.583 Fälle bei den Notfallteams (Equipos Itinerantes de Urgencia - EIU) registriert.
Die Notfallteams wurden vom Ministerium für Frauen und vulnerable Bevölkerungsgruppen (MIMP) organisiert, da die persönliche Betreuung von den Zentren für Frauen in Not (CEM nach Gesetz N.° 30364 vom MIMP gegründet) ausgesetzt wurde. Die Notfallteams haben eine begrenzte Reichweite gehabt, wenn man vergleicht, dass die CEM im Februar 2020 allein 17.181 Fälle von häuslicher Gewalt betreuten und die Notfallteams im Juli 2020 nur 5.608 Fällen aufnahmen.

Trennungen und Scheidungsfälle sind auch aufgrund dieser Gewalt weiter angestiegen.
Einige Frauen sind spurlos verschwunden, die Vermisstenanzeigen werden von der Polizei selten aufgenommen und die Betroffenen werden einfach nicht gesucht. Die staatliche Ombudsstelle Defensoría del Pueblo berichtet von mehr als 5.500 Anzeigen im Jahr 2020. Davon waren 3.835 Anzeigen von verschwundenen Minderjährigen (RPP Noticias, 28.01.2021). Wo sind die verschwundenen Frauen und Mädchen, die bis jetzt nicht aufgetaucht sind? Wie viele der verschwundenen Frauen wurden umgebracht oder zur Prostitution gezwungen? Ihre Verwandten haben die Suche in die eigene Hand genommen oder suchen weiter über Dritte. Manche suchen seit vielen Jahren, in der Hoffnung eines Tages ihre Tochter oder Schwester zu finden.

Eine Gruppenvergewaltigung hat im Oktober 2020 ganz Peru schockiert: Im Bezirk Surco in Lima wurde eine 21jährige Frau von fünf jugendlichen alkoholisierten Tätern vergewaltigt. Die Staatsanwaltschaft beantragte für die Täter eine Freiheitsstrafe von nur 9 Monaten. Weitere Fälle von Gruppenvergewaltigungen aus den Regionen Ica-La Tinguiña, Ayacucho-Vilcashuaman und Cusco-Poroy wurden bei der Polizei gemeldet. In allen Fällen kannten die Täter die Betroffenen. Der Justizapparat blieb häufig untätig oder ermittelte nur widerwillig.

Das grausamste Gesicht der Gewalt gegen Frauen ist der Femizid. Die Gewalt fängt an bei psychischem Druck und reicht von emotionaler Erpressung über körperliche und sexualisierte Gewalt bis hin zu Frauenmorden. Nach Angabe des Aurora Nationalprogramms des Ministeriums für Frauen (MIMP) fanden im Jahr 2020 in Peru 131 Frauenmorde und 330 versuchte Frauenmorde statt. Von 131 Frauenmorden waren 15% Mädchen unter 18 Jahren, 82% junge und erwachsene Frauen und 3% ältere Frauen über 60 Jahre.
Drei Viertel der Opfer wurden von ihren Partnern ermordet und ein Viertel von ihren Ex-Partnern. „Ein Drittel der Frauen haben vor dem Mord eine Anzeige bei der Polizei gegen ihren Partner gestellt und nur 7% der Frauen hatten eine gerichtliche Bescheinigung, die sie geschützt hätte.“ (LR Oskar Chumpitaz 05.10.2020).
Der brutale Machismo hinterließ 156 Halbwaise Kinder und Jugendlichen. Sie blieben unter der Obhut ihrer Verwandten, die von der Regierung Unterstützung für weitere Bildung der betreuten Kinder benötigen, vor allem für die psychologische Behandlung.

Feministische Organisationen wie Flora Tristan, Manuela Ramos, PROMSEX, DEMUS und Basis-Frauenorganisationen sind seit Jahrzenten engagiert und bleiben stark in der Bekämpfung jedweder Form der Gewalt gegen Frauen in Peru. Die Frauenbewegung kämpft unermüdlich und hart nach dem Motto „Nicht eine weniger“.

Foto: ©CNDDHH-Archiv