Die „Eine Welt“ in der Elementar- und Primarbildung
Es ist heute weithin unbestritten, dass viele Kompetenzen des Globalen Lernens schon in frühen Jahren geformt und erlernt werden. Dies gilt in besonderem Maße für die sozialen Fähigkeiten eines Umgangs mit Fremden und mit Unbekannten. Aus diesem Grund gehört das Lernen über die "Eine Welt" sicher auch schon in die Grundschule, in KiTas und Vorschulen.
Auf der anderen Seite steht jede Beschäftigung mit der "Dritten Welt" immer in der Gefahr emotionaler Überforderung, wenn Armut, Elend, Hunger und Krieg allzu sehr die Wahrnehmung bestimmen. Deshalb ist es im Grundschulbereich ganz besonders wichtig, einen ausgewogenen Zugang zur Situation der Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu versuchen. Weder ein "heiles Weltbild" noch Katastrophen, Krankheit und Kriege dürfen diese Wahrnehmung allein bestimmen.
Viele Angebote, die insbesondere ein "Lernen mit allen Sinnen" ansprechen, stehen für den Grundschulbereich zur Verfügung. Dabei darf "Eine Welt in der Grundschule" stets nur als eine erste Annäherung begriffen werden. Weitere Lerneinheiten in späteren Jahren müssen hinzukommen.
Acht Thesen zur „Einen Welt“ in der Grundschule
- Das „Globale Lernen“ ist die Aufgabe, jene Kompetenzen und Fähigkeiten zu erwerben, die wir brauchen, um das Leben auf der Erde gerechter und zukunftsfähig (nachhaltig) zu gestalten. Dieses Ziel ist zu wichtig, als dass wir mit seiner Vermittlung warten könnten, bis die Kinder „groß und vernünftig“ sind. Das „Globale Lernen“ gehört in die Grundschule, weil in jungen Jahren viele hierfür wichtigen Werthaltungen und Einstellungsmuster erworben werden.
- „Globales Lernen“ in der Grundschule nimmt zunächst das unmittelbare soziale Umfeld in den Blick, zielt auf kooperatives Verhalten in der (multikulturellen) Klasse. Es fördert die Fähigkeit und Bereitschaft, sich in andere Menschen gefühlsmäßig hineinzuversetzen und sie trotz ihrer Andersartigkeit zu respektieren.
- „Globales Lernen“ in der Grundschule ist ganz wesentlich „ganzheitliches Lernen“. Weil das eigene Tun am ehesten nachhaltige Lernprozesse auslösen kann, haben Projekte, gemeinsame Aktionen, aber auch gruppendynamische Erfahrungen und die Interaktionen mit den MitschülerInnen eine große Bedeutung für diesen Lernbereich.
- In diesem Zusammenhang können Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen oder Ländern helfen, Horizonte zu erweitern und neue Realitäten in den Blick zu nehmen. Dabei kommt es darauf an, Vertrautes und Fremdes so zu kombinieren, dass keine emotionale Überforderung durch allzu befremdliche Unterschiede zugemutet wird und dass es immer wieder Bezüge zur eigenen Lebenswelt gibt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennbar machen.
- „Globales Lernen“ in der Grundschule trifft auf massenmedial vermittelte Bilder von der „Dritten Welt“, die immer schon in den Köpfen der SchülerInnen vorhanden sind. Diese Bilder gilt es zu relativieren, aus einseitigen Klischees („Dritte Welt“ = Armut und Hunger) zu befreien. Das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und das Herstellen von Bezügen zur eigenen Lebenswelt können dabei helfen. So wird auch eine Reduzierung auf Exotik, Folklore und Ästhetik vermieden, die das „globale Lernen“ zu einer harmlosen Beliebigkeit machen können.
- Das „Globale Lernen“ ist auch in der Grundschule eine Zumutung, weil’s es uns mit Sachverhalten konfrontiert, die verunsichernd und beängstigend sind oder sein können. Wie viel Leid und ungute Zustände wir ertragen können, hängt nicht zuletzt davon ab, ob wir uns mit den Problemen überfordert und allein gelassen fühlen und ob wir Ansätze erkennen können, wie die aufgezeigten Weltprobleme (partiell) lösbar sein könnten. Dies gilt in besonderem Maße für den Grundschulbereich.
- Globales Lernen in der Grundschule ist Stückwerk, muss darauf vertrauen, dass andere bei anderen Lerngelegenheiten weitere Mosaiksteine beifügen. Die weiteren Schuljahre, außerschulische Lernorte und massenmediale Impulse werden (hoffentlich) die Kompetenzen des „Globalen Lernens“ verstärken, Erkenntnisse differenzieren, Werthaltungen ausbauen und neue Handlungsfelder eröffnen. Das „Globale Lernen“ in der Grundschule ist in diesem Sinne ein wichtiger Anfang, welcher selbstverständlich der späteren Ergänzung und Vertiefung bedarf.
- Das „Globale Lernen“ konfrontiert Grundschullehrerinnen und –lehrer mit einer komplexen Aufgabe, für die sie wenig ausgebildet sind und die leicht als Überforderung erlebt werden kann. Dennoch hängt sehr viel von deren Bereitschaft ab, sich auf diese wichtige Aufgabenstellung einzulassen und hier Engagement zu zeigen. Viele engagierten Gruppen und Nichtregierungsorganisationen möchten dabei Unterstützung leisten
Acht Aktionsideen für die Grundschule:
Ich könnte doch einfach mal...
- alle Kinder bitten, einen "Kulturgegenstand" (z.B. Musik, Kleidungsstück, Lebensmittel, Foto) mitzubringen, der typisch ist für ihr Land oder für ihre Heimatregion. Die Kinder können dann ihre Gegenstände erzählen lassen und so etwas über ihre Heimat mitteilen.
- ein gemeinsames Weltfrühstück mit den Kindern veranstalten, bei dem die Lebensmittel, ihre Herkunft und ihre Herstellung, mitbedacht werden. Vielfältige Anregungen gibt die "Aktion Weltfrühstück" der Welthungerhilfe.
- einen Wassermarsch – vorzugsweise in den Sommermonaten – durchführen. Die Kinder tragen einen (kleinen) Eimer mit Wasser durch die Fußgängerzone und schütten das Wasser am Ende in zwei Behälter, von denen der eine den durchschnittlichen Tagesverbrauch in Deutschland (127 l) und der andere den Tagesverbrauch in vielen Ländern Afrikas (30 l) fasst. Danach informieren die SchülerInnen die Bevölkerung über globale Wasserprobleme und/oder sammeln für ein Wasserprojekt.
- einen Weltmusik-Schultag mit den Kindern veranstalten. Lieder werden vorher ausgesucht – und zu jedem Land gibt ein Kind ein paar Informationen, die es vorher zu Hause recherchiert hat. Zahlreiche Lieder und Tänze aus Afrika, Asien und Lateinamerika stehen zur Verfügung (vgl. Materialienverzeichnis Eine Welt im Grundschulunterricht).
- Bewegungsspiele und sportliche Übungen aus Afrika, Asien und Lateinamerika ausprobieren – und dies zum Ausgangspunkt nehmen für ein Nachdenken über die Lebenssituation anderer Kinder. Hinweise auf derartige Spiele finden Sie ebenfalls im Grundschulverzeichnis.
- mehr außerschulische Lernorte aufsuchen – z.B. einen Supermarkt, wo es gilt, Produkte aus Afrika, Asien und Lateinamerika zu entdecken, einen Weltladen, wo es etwas über den "fairen Handel" zu erfahren gibt, oder eine Moschee, wo den Kindern einige grundsätzliche Informationen zum Islam erläutert werden.
- das "Weltspiel" spielen, bei dem die Ungleichheiten der Welt nachgestellt und nachempfunden werden sollen. Ein Fünftel der Klasse (per Los ausgewählt) erhält ein opulentes Zwischenfrühstück mit allen nur denkbaren Köstlichkeiten (Brot, Kuchen, Fleisch, Käse, diverse Getränke), während die anderen mit einem trockenen Brötchen und Wasser Vorlieb nehmen müssen und ein Fünftel hungern muss. Auch die Tischdekoration soll die Arm-Reich-Gegensätze wiederspiegeln. Am Ende kann doch geteilt werden – und für jede Menge Gesprächsstoff über Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist gesorgt.
- unsere Fotowand durch eine "Kinder-Einer-Welt-Seite" ergänzen. In vielen Grundschulklassen hängen Fotowände mit den Portraits der SchülerInnen. Diese können ergänzt werden durch Portraits von Kindern aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Material – Fotos wie auch Informationen zu deren Lebenssituation – gibt es in vielen Prospekten der Kinderhilfsorganisationen und der Patenschaftsorganisationen.



