Warum engagiert sich das Welthaus Bielefeld in Guatemala?

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Guatemalas sind Angehörige eines Mayavolkes, Nachkommen der Menschen, deren kulturelle Entwicklung vor rund viertausend Jahren begann und im zehnten Jahrhundert ihren klassischen Höhepunkt erreichte. Heute jedoch lebt ein Großteil der indigenen Bevölkerung Guatemalas am Rand der Gesellschaft, weitgehend ausgeschlossen von der ökonomischen und politischen Macht. Es gibt noch immer viele Orte, in denen vor allem die Frauen und die Älteren kein Spanisch verstehen, sie sprechen eine von 22 Mayasprachen, die in Guatemala überlebt haben.

Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurde das Land meist von Militärs regiert. In den sechziger Jahren begannen die ersten Aktivitäten von Guerillagruppen, die die Bevölkerung zum bewaffneten Widerstand aufriefen. Die Armee reagierte mit brutalen Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen. In diesem Bürgerkrieg starben über zweihunderttausend Menschen.

Erst 1985 wurden wieder freie, demokratische Wahlen durchgeführt. Seither erlebt das Land einen fragilen Demokratisierungsprozess. Der Einfluss der Militärs ist zwar eingeschränkt worden, aber die Armee ist noch immer einer der wichtigsten Machtfaktoren im Land. Gleichzeitig hat der Einfluss des Organisierten Verbrechens zugenommen.

Das Ende des Bürgerkriegs und die langsamen Demokratisierunkschritte haben bisher wenig zur Entschärfung der sozialen Spannungen beigetragen. Heute ist die Gewalt nicht mehr revolutionär oder konterrevolutionär, sondern geht von kriminellen Banden aus, die mit Entführungen und Drogenhandel die Titelseiten der Zeitungen erobern. Die Mächtigen verteidigen wie eh und je gewaltsam ihre Interessen: landlose Bauern, die sich entschließen, brachliegendes Land zu besetzen, werden vertrieben; Straßenkinder, die angeblich die Sicherheit der Passanten gefährden, werden eingeschüchtert oder gar ermordet. Die durch die Friedensabkommen von 1996 geweckten Hoffnungen auf soziale Gerechtigkeit sind weitgehend verblasst. Die Visionen der großen, gesamtgesellschaftlichen Veränderungen haben ihre Überzeugungskraft verloren. Soziale Bewegung in Guatemala findet heute im Kleinen statt, dort, wo Angehörige ethnischer Volksgruppen ihre gemeinsame kulturelle Identität stärken, wo arbeitende Kinder ihre Rechte einfordern, wo sich engagierte Frauen zusammenschließen.

Das Welthaus Bielefeld unterstützt seit Mitte der neunziger Jahre ein Gemeindeentwicklungsprojekt im Hochland. In dem Dorf Wachalal haben sich ehemalige Kriegsflüchtlinge zusammengeschlossen. Diese Familien aus der Mayabevölkerung haben jahrzehntelang unter Vertreibung und Gewalt gelitten. Heute versuchen sie, selbstbestimmt eine neue Gemeinde aufzubauen.

Seit anfang 2008 kooperiert das Welthaus im Rahmen des Freiwilligendienstes weltwärts mit einigen guatemaltekischen Nichtregierungsorganisationen. Junge Freiwillige unterstützen die Mayabevölkerungen bei ihren Bemühungen, sich zu organisieren, ihre Rechte einzufordern und die Erinnerung an ihre Vorfahren wachzurufen (PRODESSA). Schätzungen zufolge leben mehr als 70 Prozent der Maya in absoluter Armut und können den täglichen Kalorienbedarf nicht regelmäßig decken. Einige Nichtregierungsorganisationen versuchen, diese Situation durch partizipative Produktionsprojekte zu verbessern (Common Hope).

Der Umweltschutz taucht in den guatemaltekischen Medien zunehmend mehr als Thema auf. In der Praxis aber bekommen ausländische Konzerne, die in ökologisch sensitiven Regionen investieren wollen, von der Regierung weitgehend einen "Ökofreibrief". Nur sehr langsam wächst die Opposition zu der daraus resultierenden Naturzerstörung (Madre Selva).

Über die Hälfte der Menschen in Guatemala sind noch keine 18 Jahre alt. Doch in dieser sehr konservativen Gesellschaft gibt es nur wenige Räume für Jugendliche. Ein Fokus der Jugendarbeit, die vom Welthaus unterstützt wird, ist die Prävention von Jugendgewalt (Casa Alianza).

In Guatemala lebt wahrscheinlich jede vierte Familie mit einem behinderten Menschen. Trotzdem sind Behinderte in den Statistiken weitgehend unsichtbar. Selbst das Gesundheitsministerium misst dieser Bevölkerungsgruppe keine große Bedeutung bei, so dass es vor allem kirchliche Organisationen sind, die mit diesen Menschen arbeiten (Obras Sociales Hermano Pedro) und dabei vom Welthaus unterstützt werden.