Warum engagiert sich das Welthaus Bielefeld in Peru?
Peru – der Bettler auf dem Goldenen Thron
Das südamerikanische Land ist fast viermal so groß wie Deutschland, hat jedoch mit ca. 28 Millionen EinwohnerInnen nur ein Drittel der Einwohnerzahl Deutschlands.
1533 wurde der Inkastaat von den Spanischen Konquistadoren unterworfen, die die inkaische Kultur zerstörten und die Bodenschätze gnadenlos ausplünderten. Millionen von Opfern bei der indianischen Bevölkerung, vor allem im Bergbau, durch Epidemien und religiöser Verfolgung sind in der Kolonialzeit zu beklagen. Seit 1821 ist Peru unabhängige Republik und nach langen Phasen der Militärdiktaturen seit 1980 wieder eine konstitutionelle Demokratie. Das tägliche Leben in den Städten und auf dem Land wird beherrscht durch große Armut, Gewalt und Landflucht. Der Bürgerkrieg mit der maoistischen Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ fordert nach Berichten der Wahrheits- und Versöhnungskommission ca. 70 000 Todesopfer.
Geografisch ist das Land in drei extreme Klimazonen eingeteilt: der trockene, fast niederschlagslose Küstenstreifen, dort ist Landwirtschaft nur in den künstlich bewässerten Flussoasen möglich; die Kordillere der Anden, die sich majestätisch auf über 6770 m erheben, Hauptsiedlungs- und landwirtschaftliches Anbaugebiet der indianischen Bevölkerung seit dem Reich der Inka bis heute; das riesige Amazonasbecken, bedeckt von Regenwäldern, heiß und feucht das ganze Jahr über.
45% der Menschen sind indianischen Ursprungs, 37% zählen zu den Mestizen, Weiße (Europäer und Nordamerikaner) machen 15% der Bevölkerung aus, Schwarze, Chinesen und andere Ethnien 3%.
Das Land ist verwaltungstechnisch in 25 Regionen und eine Provinz eingeteilt, wobei der Zentralismus aus der 9 Millionen Metropole Lima die Politik dominiert..
Eng verknüpft mit den geografischen und klimatischen Verhältnissen ist die Wirtschaft des Landes: Fischreichtum im kühlen Pazifikstrom, gigantische Mineralfunde in den Anden und Öl - und Gasvorkommen im Amazonasgebiet sind die Hauptsäulen des Wirtschaftswachstums von 7,5% im Jahre 2007. Dazu kommt der Export von Früchten, Gemüse und Textilien, der zu den guten makroökonomischen Daten führen. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in den letzten Jahren auf 7600 $ pro Jahr angestiegen – doch allein 40,9% des Einkommens fallen auf die oberen 10% der Bevölkerung, während sich die unteren 10% mit 1,3% begnügen müssen.
Die 9 Millionen der ökonomisch aktiven Bevölkerung sind nur zu 8.4% in der Landwirtschaft, zu 25,6% in der Industrie und zu 66% im Dienstleistungssektor beschäftigt. Doch das Einkommen reicht nur für einen Teil der Bevölkerung zum Wohlstand: 53,1% leben unter der Armutsgrenze (2004). Die steigende Inflation von 2% und die schlechten Arbeitsmöglichkeiten führen zu hoher Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, die sich in einem ausufernden informellen Sektor manifestiert.
Trotz des Reichtums an Bodenschätzen, vor allem Gold, Kupfer, Öl und Gas gibt Peru seine Schätze willfährig preis: die Bergbauunternehmen zahlen auf ihre Gewinne z.B. nur 3,8 % Steuern, während ein Arbeitnehmer 12% Lohnabgaben an den Staat abführt. Die Gewinne der Bergbauunternehmen beliefen sich allein im Jahr 2006 auf 6,7 Milliarden US $. Ihre Abgaben an den peruanischen Staat machten jedoch nur 3% des Bruttosozialprojektes aus. So trifft das Bild Perus als „Bettler auf dem Goldenen Thron“ leider immer noch die peruanische Wirklichkeit.
Die Lage des Großteils der Bevölkerung verschlechterte sich in den letzten Jahren zusehends: vor allem die sozialen Spannungen, Ärzte- und Lehrerstreiks, Streiks der Minenarbeiter und der Bauern, lähmten monatelang die Entwicklung des Landes. Die Unzufriedenheit über die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Regierung Alan García wächst. Auch werden zunehmend Menschenrechtsverletzungen gegenüber VolksvertreterInnen, BürgermeisterInnen und Kirchenleute bekannt, die sich für die Rechte der armen Bevölkerung einsetzen.
Wir, die FOKUS-Peru-Solidaritätsgruppe im Welthaus Bielefeld, unterstützen seit vielen Jahren soziale Bewegungen in den Randzonen von Lima, den so genannten „Pueblos Jóvenes“, die besonders von Arbeits– und Perspektivlosigkeit geprägt sind. Frauen-, Bildungs-, Kinder– und Jugendprojekte sind unsere Schwerpunkte.
Zur Zeit fördern wir Initiativen von Frauen in Comas/Lima, die sich zusammengeschlossen haben, um eine Volksküche zu betreiben und damit sich und ihre Familien preiswert und gesund zu ernähren. In den Anden, in der Region Huancavelica, unterstützen wir ein landwirtschaftliches Projekt innerhalb mehrerer Bauerngemeinden auf über 3000 m Höhe. Hier gelingt es den Frauen, mit wenigen Mitteln und viel gemeinschaftlichem Einsatz die intensive Landwirtschaft zu verbessern: Ökologischer Anbau, Herstellung von organischem Kompost zum Düngen, Anbau von nährstoffreichen Pflanzen wie Quinua sind Themen, über die sich die Frauen austauschen und ihr Einkommen verbessern können.
In beiden Projekten, in Lima und Huancavelica, geht es auch um Stärkung der Frauen in ihrem täglichen Überlebenskampf in Fragen der Gesundheit, Erziehung und häuslichen Gewalt. Damit möchten wir einen Beitrag zur Armutsbekämpfung in der von der Politik weitgehend vergessenen Sierra leisten, um ein Gegengewicht gegen die anhaltende Landflucht zu bilden.
Als Mitglied der Informationsstelle Peru beteiligen wir uns auch an der Bergbaukampagne und im Bereich Menschenrechtsarbeit.
Text: Sigrid Graeser-Herf, 3. April 2008
Quellen: CIA World Fact Book; Reiseführer Peru/Bolivien, Dumont; Broschüre „Reichtum geht, Armut bleibt“, Informationsstelle Peru



