Warum engagiert sich das Welthaus Bielefeld in El Salvador?

Das Engagement des Welthauses in El Salvador gilt der Unterstützung der gegen Armut und Repression aufbegehrenden Landbevölkerung. Es begann in den 1980er Jahren, als der soziale Konflikt, der das Land spaltet, in gewaltsamen Auseinander­setzungen gipfelte. Die Landlosen, die im Laufe des vorangegangenen Jahrhunderts von Großgrundbesitzern aus den fruchtbaren Gegenden verdrängt worden waren, hatten angefangen, sich in Basisgemeinden und Gewerkschaften zu organisieren.  Die Oligarchie schickte das von den USA massiv aufgerüstete Militär und Todesschwadronen. Angesichts der blutigen Repression flohen Zehntausende aus den ärmsten Provinzen, Chalatenango und Morazán, in das benachbarte Honduras, während sich vor allem jüngere Frauen und Männer zur Guerilla Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) zusammenschlossen und gemeinsam mit städtischen und studentischen Gruppen  einen zwölf Jahre währenden Befreiungskampf führten.

Die El Salvador Gruppe im Welthaus beteiligte sich zunächst an der internationalen Öffentlichkeits­arbeit, an Delegationen und Briefaktionen zum Schutz der Flüchtlinge. Ein Mitglied arbeitete im Lager im Rahmen der Alphabetisierungskampagne. Als die Flüchtlinge 1987 – noch mitten im Bürgerkrieg – beschlossen, in ihre Heimat zurückzukehren, konstituierten wir uns als „Freundschafts­­­initiative Viva Guarjila“.  Wir nahmen uns vor, beim Wiederaufbau eines der Dörfer, die vom Militär völlig zerstört worden waren, Unterstützung zu leisten. In enger Kooperation zwischen den Selbstverwaltungsorganen von Guarjila  und dem Welthaus und mit den Spendengeldern eines großen Fördererkreises in Bielefeld, Helmstadt und Holzminden sowie mit öffentlichen Mitteln entstanden Wohnhäuser, Werkstätten und soziale Einrichtungen,  wurde Land gekauft und biologischer Anbau gefördert.

Was wir damals nicht voraussahen: Diese Unterstützung ist auch heute, nach mehr als zwanzig Jahren noch richtig und wichtig. Zwar leben mittlerweile alle Familien in festen Häusern und die meisten – immer noch nicht alle – können von selbst angebautem Mais und Bohnen, ab und zu Eiern, etwas Fleisch und Gemüse auch satt werden. Von Jahr zu Jahr gehen mehr Kinder ab dem sechsten Lebensjahr regelmäßig zur Schule. Die Gesundheitsversorgung ist besser als in den meisten ländlichen Gebieten El Salvadors. Aber diese Erfolge sind nur möglich geworden durch das Zusammenwirken von zwei Faktoren: dem hohen Grad von Eigeninitiative und Selbstorganisation der Bevölkerung und materieller Hilfe von außen. Zur Zeit konzentriert sich die Hilfe auf das Gesundheits- und das Rehabilitationszentrum  und auf Stipendien zum Besuch von Oberschule und Universität.

Das Friedensabkommen, das 1992 die bewaffneten Auseinandersetzungen beendete, brachte zwar graduelle Verbesserungen in der politischen Repräsentanz, in der Zusammensetzung des Justiz- und Polizeiapparats, grundlegende soziale Reformen jedoch blieben aus. Auch wenn z.B. in Guarjila die meisten Familien eine Miniparzelle Land zugesprochen bekamen, reichte dies nur mit Not zum Überleben und änderte praktisch nichts an der extremen Ungleichheit der Landverteilung.

Der salvadorianische Staat vertritt nach wie vor die Interessen einer kleinen wohlhabenden Schicht, die neben der Landwirtschaft heute auch die sich entwickelnde Industrie und zunehmend den Finanzsektor beherrscht. Er ist  gleichgültig gegenüber der Lage der großen Masse der Armen. Ihre Gesundheitsversorgung ist miserabel und wird durch Privatisierung immer unbezahlbarer. Das gleiche gilt für Bildung, Energie- und Wasserversorgung und öffentlichen Verkehr.

Rücksiedlungsgemeinden ehemaliger Flüchtlinge und Guerilla-KämpferInnen, wie Guarjila, haben von der Regierung schon gar nichts zu erwarten. Sie sind andererseits für die übrige Bevölkerung ein Beispiel, das zeigt: Wer Widerstand und Eigeninitiative entwickelt, kann auf internationale Solidarität bauen. An diesem Beispiel will die Freundschaftsinitiative weiter mitwirken.

Seit einigen Jahren sieht Guarjila sich einer neuen Bedrohung ausgesetzt: nordamerikanische Konzerne haben Gold und andere Edelmetalle in der Gegend ausgemacht und bereits staatliche Lizenzen für die Erkundung erhalten. Die Bauern wissen, welche Verwüstungen ihres Ackerlandes, welche Vergiftungen von Wasser und Luft und welche Gesundheitsschäden Bagger und Zyanid anrichten. Bisher haben sie sich weder überreden noch kaufen lassen, sondern ein breites Bündnis mit Kommunen und Kirchen geschmiedet und mit Straßenblockaden die Bohrtrupps erfolgreich zur Umkehr gezwungen. Mit Protestbriefen an das salvadorianische Umweltministerium hat auch hier die Freundschaftsinitiative  nach Kräften Unterstützung geleistet.

Die Freundschaft, anfänglich nur als Anspruch in unserem Namen postuliert, ist im Laufe der Jahre immer mehr zur gelebten Wirklichkeit geworden – mit regelmäßigem Briefwechsel und gegenseitigen Besuchen. Sie umfasst das Persönliche ebenso wie das Politische.

Die Clínica Ana Manganaro in Guarjila

Stipendien für Oberschule und Studium

Rehabilitationszentrum für Menschen mit Behinderung