Giftiger Schnee im peruanischen La Oroya - Erzbischof berichtet im Welthaus über riesige Umweltkatastrophe
Aus dem Weltraum sieht das fruchtbare Mantaro-Tal aus, wie mit Schnee bedeckt. Ein Satellitenbild zeigt die Umgebung rund um die peruanische Stadt La Oroya auf 3.412 Meter Höhe mit einem schneeweißen Belag. Doch dieser Belag ist Staub aus dem völlig veralteten Schornstein einer Erzhütte. Wind trägt ihn über die Ackerbauflächen, den Mantaro-Fluss, die Lagunen und Quellgebiete viele Kilometer ins Land hinaus. Das Ganze ist eine Umweltkatastrophe gigantischen Ausmaßes, wie der katholische Erzbischof Pedro Barreto aus Huancayo jetzt bei einem Vortrag im Welthaus deutlich machte.
In der Erzhütte von La Oroyo wird seit 1917 unter wechselnden Besitzern Blei, Zink und Kupfer gewonnen. Nur die Technik hat mit der Zeit nicht mitgehalten, so Barreto: Seit fast 100 Jahren bläst der riesige Schornstein ungefiltert gewaltige Mengen Arsen, Blei, Cadmium und weitere Schwermetalle tonnenweise in die Luft. Was zurückbleibt, ist eine Umweltzerstörung, die zur Vergiftung der landwirtschaftlichen Flächen führt, das Wasser in höchstem Maße belastet, das Vieh erkranken und sterben lässt und – als furchtbare Erkenntnis – den Körper der Menschen schleichend zerstört.
Hohe Bleikonzentration in Kinderblut
Die Schwermetalle sind in höchstem Maße krebserregend und schädigen das Nervensystem. Besonders betroffen sind die Kinder, deren Blut fünf Mal so viel Blei enthält wie von der Weltgesundheitsorganisation zugelassen ist. Ihre körperlichen und geistigen Entwicklungsmöglichkeiten bleiben weit hinter Gleichaltrigen zurück, die in einer noch nicht verseuchten Umwelt aufwachsen.
Die Hoffnung des Erzbischofs, dass sich nach dem Verkauf der Hütte an die US-amerikanische Betreibergesellschaft Doe Run 1997 der technische Standard bessern würde, ist bis heute enttäuscht worden. Die Firma beruft sich auf die Rechte, die ihr die peruanische Regierung immer wieder verlängert und sie vor der Einhaltung von international anerkannten Umweltstandards bewahrt. Trotz massiver Drohungen gegen seine Person setzt sich Pedro Barreto im Rahmen der peruanischen Bischofskonferenz für die Rechte der Menschen in seiner Diözese unermüdlich ein. In Peru wird er „der gute Hirte der Bleikinder“ genannt. Er empfindet es als selbstverständliche Aufgabe, dass die katholische Kirche die Bauern dabei unterstützen muss, ihre Interessen auf sauberes Wasser und giftfreien Boden zu verteidigen.
US-Firma bekommt Sonderrechte
Aber auch die Bewohner in und um La Oroya und Huancayo entlässt der Geistliche nicht aus der Verantwortung. „Alle sind Teil des Problems, so sind sie auch alle Teil der Lösung“, sagt er und fordert auf, sich konkret an der Problemlösung zu beteiligen. Im Zuge seiner Initiative „Der Mantaro-Fluß soll wieder leben“, fordert Barreto eine Müllverbrennungsanlage, eine Kläranlage, die Wiederaufforstung des Mantaro-Tals und ein verstärktes Engagement für die Umwelterziehung der Kinder und Jugendlichen.
Nicht die Schließung der Hütte ist sein Ziel sondern die Verpflichtung der peruanischen Regierung. Er will, dass die Betreibergesellschaft endlich die katastrophalen Folgen wahrnimmt und die Emissionen durch geeignete Filter eindämmt.
Unter den Zuhörern der Veranstaltung waren besonders die 20 Freiwilligen erschüttert, die ab Juli 2008 im Rahmen des „weltwärts“-Programms für ein Jahr in Entwicklungsprojekte nach Peru gehen. Sie erfuhren zum ersten Mal etwas über ökologische und soziale Probleme in dem Andenstaat. Viele wollten wissen, wie man aus Europa zur Verbesserung der Lage beitragen kann. Juristisch sie – aufgrund der Duldung durch die Regierung Perus – nicht viel gegen die Firma Doe Run zu machen, so der Erzbischof, der auf Einladung von Misereor in Deutschland war: „Doch was passiert, wenn Sie in kürzester Zeit eine Million E-mails an ihre Website schicken?“ fragte er. „Kommen sie vielleicht dann ins Grübeln? Werden sie dann endlich das Geld für einen zeitgemäßen Filter bereitstellen?“ Internationale Aufmerksamkeit könne Erfolge bringen.
Mehr Informationen zu dem Thema stehen (auf spanisch) auf der Homepage der Kampagne „Der Mantaro-Fluss soll wieder leben“ unter www.elmantarorevive.com.pe
Sigrid Graeser-Herf, Focus - Peru Solidarität im Welthaus Bielefeld e.V.
